Mittwoch, 8. Juni 2011

Mit Apple iCloud soll die Synchronisation ein Relikt der Vergangenheit werden

André Vatter findet, dass Apple den Usern mit iCloud tief in die Tasche greift.

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Herrlich, Apple. Du hast es geschafft, auf einen Schlag wirklich jedes Unternehmen, das auch nur im Entferntesten etwas mit mobile Computing zu tun hat, eine Nackenklatsche zu verpassen. High Five!

Apple hat soeben seine diesjährige Worldwide Developers Conference (WWDC) hinter sich gebracht. Und obwohl das iPhone 5 weiter auf sich warten lassen muss, hatte die Veranstaltung doch genug Zündstoff, um – wieder einmal – die Branche in Aufruhr zu versetzen. Größtes Kapitel der Keynote (Mitschnitt) war die Einführung der iCloud, Apples Antwort auf offenbar schwindende Ressourcen im lokalen Speicher mobiler Endgeräte. Was wir bereits jetzt festhalten können: 8 GB, 16, GB, 32 GB und 64 GB – eine größere Speichergeneration wird es im iOS-Universum auf absehbare Zeit nicht geben. Der Platz sei ausreichend, so Steve Jobs.

Ausnahmslos alles soll in die Cloud verlegt werden: Fotos, Musik, Videos, Apps, iWork-Dokumente, Bücher, Kalendereinträge – alle Formen digitaler Inhalte, die man sich vorstellen kann, werden kurz nach ihrer Erstellung vaporisiert und in die Wolke geschossen; nicht selten soll dies automatisch passieren (etwa bei gerade geknipsten Fotos). Der neue Push-Dienst, der die SMS ablösen soll und mit dem sich Bilder und Videos verschicken lassen, greift auf WLAN und UMTS zurück. Die Firmware wird Over The Air aktualisiert. Apple ruft damit auch die “Post-PC-Ära” aus, die Einrichtung “Synchronisation” ist ein Relikt der Vergangenheit: “Diese Geräte standing in Sync zu halten, macht uns wahnsinnig”, so Jobs. Und wie Recht er damit hat.

iCloud ist in dieser Form für die Endanwender sowohl kostenlos als auch werbefrei. Zehn iOS-Geräte werden pro Account unterstützt, insgesamt stehen fünf Gigabyte zur Verfügung: Fotos sowie gekaufte Musik, Apps, Filme und Bücher sind jedoch an dieses Speicherlimit nicht gebunden. Das ist toll, doch anders ausgedrückt, bedeutet das auch, dass nicht über iTunes erstandene Musik weiterhin lokal gespeichert wird – früher oder später wird es einen verwirrenden Mix aus Instant-On vs. Content-Push geben. Oder aber man investiert pro Jahr rund 25 Dollar, um iTunes Match zu benutzen, das gerippte Songs mit den Inhalten des Apple-Musikladens abgleicht. Was mich zum Hauptkritikpunkt bringt…

Die Technik ist der letzte Schrei, Cloud-basierte Services sind die Zukunft, wir haben lange darauf gewartet und endlich schwebt die Wolke über uns. Aber wer, bitteschön, soll das bezahlen? Die Cloud nimmt den lokalen Speicher aus der Rechnung, es wird On-Demand gepusht, sobald ich einen Inhalt verfügbar haben möchte. “Es ist die immergleiche Geschichte”, sagt Jobs. “Ich kaufe etwas auf meinem iPhone und es ist damit nicht auf meinem anderen Gerät. Ich schnapp mir den iPod und will den Song hören und er ist nicht da!”

Angenommen, ich sitze in der Bahn und ziehe mir “Jesus of Suburbia” von Green Day aus der Cloud; der Song kommt in 256 kbit/s und bringt ordentliche 15,9 Megabyte auf die Waage. Ich bin Kunde der Telekom, mein Tarif kostet mich rund 60 Euro (!) pro Monat, so dass ich zwei Stunden in alle Netze telefonieren kann und mir ein unbegrenztes Download-Datenvolumen zur Verfügung steht. Ach ja, mit folgender Einschränkung:

Ab einem Datenvolumen von 300 MB wird die Bandbreite im jeweiligen Monat auf max. 64 kbit/s (Download) und 16 kbit/s (Upload) beschränkt. Die Abrechnung erfolgt im 100-KB Datenblock. (…) Die Nutzung von VoIP ist nicht Gegenstand des Vertrages. Hierfür ist die Buchung der kostenpflichtigen Option Internet Telefonie notwendig.

Anders ausgedrückt: Zehn Megabyte mit UMTS-Geschwindigkeit kosten zwei Euro. Wer jemals ein Drossel-Opfer wurde, weiß, dass er das Smartphone (zumal bei der Telekom) danach eigentlich in die Ecke werfen kann. 64 kbit/s (und dies wird in der Praxis nur selten erreicht) ist ISDN-Geschwindigkeit. Die Älteren unter meinen Lesern werden sich vielleicht erinnern; bei ISDN handelt es sich um eine Technologie, deren Richtlinen in den siebziger Jahren festgelegt wurden.

Wer also ernsthaft vorhat, Apples Rat zu folgen und fortan seine Musik (oder anderen Inhalte – zum Bespiel Videos) aus der Cloud zu streamen, kann sich gleich ein altes Feature-Phone von Nokia bei eBay bestellen. Die Cloud ist ein datenhungriger Dienst, der – obwohl zeitgemäß – mitnichten mit den bestehenden Infrastrukturen der hiesigen Telcos vereinbar ist.

Als Apple im Jahr 2007 erstmals das iPhone vorstellte, wunderten sich die Kritiker, dass es nicht einmal über ein integriertes Radio verfügte. “Warum auch?”, hieß es dann in einer Antwort seitens Apple. Das iPhone ist internetfähig und kann damit auf ein gigantisches Angebot an digitalen Radio-Streams zurückgreifen – jederzeit und wo der Nutzer es will. Hand auf Herz: Wer von euch hört Radio über UMTS? Und wo gibt es den Tarif, der euch das erlaubt?

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